Seit langer Zeit schreibe ich eigene Lieder. Noch viel länger singe ich gern. Meine Schreiberei begann in der Vorwendezeit der DDR. Zuhause wurde anders über das politische Leben gesprochen als in der Schule. So war ich permanent mit den offensichtlichen Lügen konfrontiert und musste damit umgehen.

Annabell im Studio zusammen mit Wilfried Mengs

Im Studio zusammen mit Wilfried Mengs

Diese Lebensweise hat mich musikalisch geprägt, denn in dieser Phase stieß ich auf die einzigartige DDR-Liedermacherkultur, die den Menschen in der DDR den Rücken stärkte und die Unverstandenen verband. Kritiker lechzten geradezu nach versteckten Hinweisen in deren Liedern. Ich begann eigene Lieder über meine Beobachtungen zu schreiben, die jedoch nur engste Verwandte und Freunde hörten. Seit dieser Zeit sind Texte für mich wichtig. Später besuchte ich vor, während und nach der Wende die Musikspezialklasse in Schulpforte. Besonders die a-capella Chormusik hatte es mir angetan. Ich liebe sie bis heute und habe später in diversen Doppelquartetten gesungen.

Als ich Anfang 20 war, gründete ich mit meiner Freundin Bianca Pasche das Duo Zweierlei. Wir hatten uns ganz zufällig getroffen, in einem Sandkasten beim Spiel mit unseren kleinen Kindern. Alles entwickelte sich wie von selbst. Nur wenige Wochen und wir hatten unseren eigenen Stil gefunden. Unsere Stücke waren damals etwas durchkomponiert. Meist sangen wir zweistimmig, Bianca spielte Gitarre, ich Klavier. Wir hatten an uns selber hohe Ansprüche und waren besessen von dem, was wir taten. Wir beflügelten uns gegenseitig und hatten eine großartige Zeit miteinander. Irgendwann trennten sich unsere musikalischen Wege nach ein paar Sackgassen. Meine Musik nach Zweierlei wurde zunehmend schlichter. Mein Fokus verschob sich mehr auf das Gefühl und das Unfertige – vielleicht auch weil ich einen Kontrast zu meiner täglichen Arbeit als Mathematikerin brauchte.

Meine Lieder können recht unterschiedlich sein. Manchmal vertone ich Lyrik, die mich anspringt. Ein anderes Mal verarbeite ich erlebte Dinge oder schreibe über Begegnungen, die mich berührt haben. Die Stücke, die ich schreibe, empfinde ich als Lieder, die man hört, wenn man mit sich allein ist. Meiner Ansicht nach gibt es Musik für viele Gelegenheiten und das ist vermutlich die meine. Ich muss jedoch ehrlich gestehen: seit dreiste Abhörpraktiken und einseitige Berichterstattungen der Presse zunehmend unser Leben bestimmen, wünsche ich mir das gute alte politische Lied zurück und dass ich klarere Worte finden könnte. Mal sehen …